Meier 19

Synopsis

Dokumentarfilm nach dem Buch von Paul Bösch
Drehbuch und Regie: Erich Schmid
Kamera: Pio Corradi
Ton: Jens Rövekamp, Dieter Meyer
Tonschnitt und Mischung: Dieter Lengacher
Montage: Katrin Oettli

Schweiz 2001. 35mm, Farbe, 98 Min. D/f/e  

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MEIER 19 - ein Film über „1968“


Dass in den verknorzten Sechzigerjahren den Zürcher Polizisten der Zahltag gestohlen worden war, ist eine wunderbare Metapher für die damalige autoritäre Zeit.

Dass es einem Polizeioffizier, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Täter gewesen war, gelang, ungeschoren davonzukommen, ist ein Zeichen für die damalige Unterwürfigkeit und Obrigkeitsgläubigkeit. Ebenso dass es diesem Offizier möglich war, die Ermittlungen selber zu leiten und die Resultate mit seiner Unterschrift abzusegnen. Dass dieser Offizier als Vorgesetzter aber das Risiko eines Lohndiebstahls (zum Schaden seiner Untergebenen) eingehen konnte. Dass er sich dabei so sicher fühlen konnte, dass ihm, auch wenn der Verdacht auf ihn fallen sollte, nichts geschieht. Dass er sich dann tatsächlich selber durch ein falsches Alibi verdächtig gemacht hatte und ungeschoren davonkam.

Dies alles umschreibt die oben erwähnte Metapher, um die es in diesem Film geht.

Der damalige Sekretär des Polizeikommandanten hiess Arnold Winkler. Nach langem Zögern wagte er einmal, eine Frage dazu zu stellen. Da schrie sein Vorgesetzter, indem er Nase an Nase an ihn herantrat: „Herr Winkler, merken Sie es sich ein für allemal: ein Offizier stiehlt nicht!“ – Arnold Winkler dazu im Film: „Da wusste ich Bescheid. Aber ich bin mein Leben lang immer ein Duckmäuser gewesen. Man hat mich halt auch nicht anders erzogen als zum Respekt vor den Oberen ...“

Wohl kaum jemand hätte die Befindlichkeit dieser 60er Jahre einfacher und ehrlicher ausdrücken können als dieser kleine Sekretär im hohen Alter.

Wie bei den meisten Straftaten waren es auch hier die Umstände, die dafür sorgten, dass der Zürcher Zahltagsdiebstahl überhaupt möglich gewesen war. Bei der Täterpersönlichkeit ist eigentlich nur interessant und aufschlussreich, dass er offenbar genügend intelligent war, um die Zeitumstände zu erkennen, zu nutzen und die Chance für eines der lausbübischsten Verbrechen, das man sich ausdenken kann, zu ergreifen. Es war keine Gewalttat, aber in jenen Zeitumständen ein zynischer Akt der Demütigung, ein symbolhaftes hierarchisches Manifest von oben gegenüber den Fusssoldaten, die der Täter vor der ganzen Bevölkerung der Lächerlichkeit preisgeben wollte. Dies war ihm gelungen, denn die Meldung vom Lohndiebstahl bei der Zürcher Polizei ging (noch vor Anbruch des Medienzeitalters) rund um die Welt.

Es war vielleicht die letzte Gelegenheit, denn kurz darauf kämpfte die revoltierende Jugend weltweit gegen jene autoritären Gesellschaftsstrukturen, die eine solch dreiste Tat überhaupt ermöglichten.  

Meier 19 war ein Detektivwachtmeister, der dem Polizeioffizier auf die Schliche gekommen war. Er wurde zum Symbol der Zürcher 68er-Bewegung, da er als einziger Polizist nicht bereit war, die Umstände schweigend hinzunehmen. Er stellte sich mutig gegen die Vorgesetzten, ging mit den Fakten an die Öffentlichkeit und landete zum Schluss dort, wo eigentlich der Zahltagsdieb hingehört hätte: im Gefängnis.

Meier 19 wurde als Detektiv ungewollt zum Helden der Strasse, die 1968 der antiautoritären Jugendbewegung gehörte, während die autoritäre Obrigkeit vor Angst zitterte und den Armeeeinsatz erwog. Es war darob bloss folgerichtig, dass die Zürcher Regierung, um dies zu vermeiden, alle Hoffnungen auf die Polizei setzte. Doch stand sie vor der Frage, ob sie es sich in dieser Situation noch leisten könnte, einen hohen Polizeioffizier als Zahltagsdieb blosszustellen. Denn dies hätte die Gefahr erhöht, die Glaubwürdigkeit der Polizei zu mindern und ihre Einsatzfähigkeit zu schwächen, während man sie dringend brauchte, um die Jugendrevolte niederzuschlagen.

Erstens wurde Meier 19 zum Sicherheitsrisiko und musste, da er trotz einem schönen Rentenangebot des Finanzvorstandes nicht stillhalten wollte, aus dem Verkehr gezogen werden. Zweitens durfte der Zahltagsdiebstahl nicht aufgeklärt und der mutmasslich diebische Polizeioffizier nicht verurteilt werden. Aber auf ihm, dessen Name der ganzen Stadt geläufig war, lastete fortan der Ruf, dass er höchstwahrscheinlich der Täter gewesen ist und dass er die ganze Zeit im Verlauf von mehreren Dutzend Gerichtsverfahren, die Meier 19 erfolgreich vernichteten, geschwiegen hatte.

Der Fall Meier 19 zeigt, wir anfällig und brüchig die demokratischen Prinzipen in Zeiten tiefgreifender politischer Umwälzungen und heftiger Auseinandersetzungen sind. Tatsächlich hätte die Aufklärung des Zahltagsdiebstahls aber das Vertrauen in die Regierung und die Dialogbereitschaft der Jugend gestärkt. Denn zu keiner Stunde war die Gefahr, die 1968 von der Strasse drohte, so gross, dass sich die Vertuschung des Polizistenlohn-Diebstahls und die Vernichtung von Meier 19 hätten rechtfertigen lassen.      

Meier 19 starb am 2. November 2006 im Alter von 81 Jahren in Zürich. Der von ihm beschuldigte Polizeioffizier Dr. Walter Hubatka, der als Chef der Kriminalpolizei die Ermittlungen im Zahltagsdiebstahl leitete, hatte sich frühzeitig pensionieren lassen und lebt in Zürich.


Der Autor über seinen Film

Meier 19 ist ein durchkomponierter Film mit einem Anfang und einem Ende, ein realer dokumentarischer Kriminalfilm, von dem der „Tages-Anzeiger“ schrieb, er könne es „mit jedem Thriller aufnehmen“ (Christian Rentsch, 19.09.02). Tatsächlich greifen die einzelnen Sequenzen wie bei einem Zahnrad satt in die nächsten über und geben der Story mit voller Absicht etwas Zwingendes und Auswegloses. Wer die Poesie und die Dialektik in dieser Komposition sehen kann, hat mehr vom Film: es geht um Gerechtigkeit und Verachtung, um Hoffnung und Glauben, um Lebensfreude und Enttäuschung im Spiegel eines kleinen Mannes mit einem grossen Schicksal.

Was hat Detektivwachtmeister Meier 19 mit Jimi Hendrix zu tun? Der Film kommt immer wieder auf diese Frage zurück.

Kurt Meier (der wegen den vielen Meier bei der Stadtpolizei Zürich den Namen Meier 19 erhielt) hatte einen autoritären Vater, der seinerseits geprägt war von zwei Weltkriegen und vielen Entbehrungen. Der Vater war Fabrikarbeiter, hatte einen kleinen Bauernhof, ging als „Säcklipuur“ mit der eingepackten Mahlzeit zur Arbeit und amtete nebenbei als Sigrist (Küster). Die gleichzeitige Ausübung dreier Berufe, die Armut und der Ueberlebenskampf liessen kaum Zeit für die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen, nicht einmal in der Familie.

Zu seinem verstorbenen Vater redet Meier 19 am Grab. Posthum wirft er dem Vater vor, er habe ihn einmal fast zu Tode geschlagen, er habe nur die Arbeit im Sinn gehabt und die Kinder total vergessen.

Aus dieser Kindheit erklären sich Meiers Autoritätsprobleme und sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Gesellschaftlich durch die Armut bedingt, war dies individuell einer der Gründe, weshalb sich Kurt Meier nach Sicherheit und Gerechtigkeit sehnte und diese Werte zu seinem Beruf machen wollte. Aber statt dieser Werte fand Meier 19 als Polizist wiederum autoritäre Verhältnisse in einem Beamtenapparat vor, der nicht frei von Begünstigung, Willkür und Korruption war.

Als wäre es die Klimax der damaligen Zeitumstände gewesen, wurden 1963 den Zürcher Stadtpolizisten aus dem Tresor der Hauptwache die eigenen Löhne gestohlen. Diese Ungeheuerlichkeit war für Meier 19 wie ein Fingerzeig Gottes, der ihm den Weg wies, um mit den korrupten Verhältnissen im Polizeikorps aufzuräumen. Sein dringender und berechtigter Tatverdacht fiel ausgerechnet auf den Chef der Kriminalpolizei, Dr. Walter Hubatka, der die Ermittlungen des Zahltagsdiebstahls leitete. Der Kripochef ein Dieb? Dies durfte nicht wahr sein. Schon gar nicht 1968. Autorität und Staatsgewalt durften in dieser Zeit der Jugendrevolten, in der die Gesellschaft nahe am Siedepunkt war, auf keinen Fall untergraben werden. Das war meines Erachtens der Grund, weshalb man den Kripochef nicht überführte, sondern denjenigen opferte, der ihn verdächtigte. Die Verantwortlichen sorgten dafür, dass Meier 19 alles verlor, was er hatte. Es war wie im Mittelalter, als der Ueberbringer einer schlechten Nachricht geköpft wurde.

Die Parallelität des weltweiten Jugendprotests und des Einzelkampfs von Meier 19 ergab sich durch den gemeinsamen Feind: das Establishment, welches sowohl die Jugendrevolte niederknüppeln liess wie auch die Existenz von Meier 19 vernichtete. Doch im Gegensatz zum verbissenen Kampf von Meier 19 protestierte die Jugend mit einer sinnlichen Leichtigkeit, die auf allen Ebenen der Kultur wie von selbst mit den kollektiven politischen Forderungen einher ging. Vor allem in der Pop- und Rockmusik wurden die jugendlichen Anliegen deutlich, und ihre Interpreten wurden gefeiert. Einer von ihnen war Jimi Hendrix, der mit seinen Gitarrenriffs die Emotionen einer ganzen Generation zum vibrieren brachte. Einer Generation, die sich in Zürich mit Meier 19 solidarisierte...

Ohne den emotionalen Aufbruch der 68er Revolte wäre Meier 19 ein bedeutungsloser verheizter Einzelkämpfer geblieben. Aber die Zürcher Jugend demonstrierte für ihn und machte seinen Namen zu einem (gefährlichen) Symbol, das geeignet war, die Glaubwürdigkeit und die Autorität der Zürcher Stadtpolizei zu untergraben - jener Polizei, die man dringend brauchte, um die Revolte niederzuschlagen. Mit dem Film beabsichtigte ich, dass der Name Meier 19 in seiner gesellschaftlichen Bedeutung vor allem in diesem politischen Kontext rezipiert wird. Da Meier 19 jedoch himself unpolitisch war, stellte ich seinen Konflikt und den Motor seines Handelns zum Schluss wieder in einen Zusammenhang mit dem persönlichen Drama zwischen Vater und Sohn.

Als Autor und Filmemacher habe ich immer wieder Figuren und Einzelpersonen gesucht, in denen sich die Geschichte spiegelt. Es ist die Tragik dieser Figuren, dass sie im Leben weitgehend scheiterten, aber der Nachwelt wertvolle Erkenntnisse hinterliessen - Menschen mit Schicksalen.

Erich Schmid