Max Bill – the master's vision

(Max Bill – das absolute Augenmass)

Important Echoes


Adolf Muschg über den Film

»Ich habe Bill gekannt
so sehe ich ihn zum ersten Mal.
Jetzt interessiert er mich, denn ich habe ihn nicht gekannt.«

[ganzer Text...]

Mario Botta über den Film

"E questo un documento che mi ha affascinato e commosso: grazie!"
"C'est un document qui m'a fasciné et ému: merci!"
"Das ist ein Dokument, das mich fasziniert und berührt hat: Danke!"

[ganzer Text...]

Jean Ziegler

»Ein Meisterwerk« [ganzer Text...]

Peter Schubert, 1965 Absolvent der HfG-Ulm

»Erich Schmid versteht sein Handwerk. Das dokumentarisch‑filmische Porträt Max Bills, hat Spielfilmqualität, hat Spannung, dramaturgische Höhepunkte, überraschende Momente und emotionalen Tiefgang.« [ganzer Text...]

 

Muschg

Adolf Muschg am 31.8.08 an Erich Schmid

Warum mich Ihr Film über Max Bill bewegt hat:

Gesucht wird darin eine verbindliche Gestalt
nicht der eigenen Person
sondern des Guten Lebens in einer konfusen Zeit

Bills Kunst ist die eines versprengten Klassikers: sie verbindet (wie Musils Mann ohne Eigenschaften) «Genauigkeit und Seele»

Er formte Gegengewichte, sichtbar, tastbar, begehbar
gegen die Ausbreitung der Beliebigkeit

das Ungefähre widerstand ihm
er widerstand dem Ungefähren

er hatte Prinzipien im Wortsinn, das heißt
er suchte neue Anfänge, plausible und unverhoffte, sehenswerte und glaubwürdige,
und vergütete sie durch Arbeit

Ihr Film geht dieser Arbeit nach
forschend, bescheiden, gewissenhaft.
Er versteht sich als fortgesetzter Teil von ihr
nimmt zugleich Anteil daran.
Und dieser Anteil teilt sich mit.

Je besser Bills Lebensarbeit zu sehen ist, desto frischer wirkt sein Werk.

Von sich selbst macht der Film nichts her:
Ein schwankender Spiegel
Würde die Bewegung, die er am Werk zeigt, Bills Werk,
unlesbar machen,
auf sie aber kommt es an, und so zeigt der Film auch das Unvermutete:

ich habe Bill gekannt
so sehe ich ihn zum ersten Mal.
Jetzt interessiert er mich, denn ich habe ihn nicht gekannt.

Der Film zeigt mir: nichts an diesem Leben lag auf der Hand,
und dass das Werk so aussieht, als läge es eben dort,
so ist diese vollendete Täuschung
die einzige, der sich die Kunst nicht zu schämen braucht,

und am Ende der Vollendung
kommt die ruhige Bewegung ihrer Objekte
im Filmzuschauer wieder dort an,
wo sie im Künstler entsprungen sein muß:
einem erschütterten Zentrum
der Person.

Ziegler

Jean Ziegler am 3.9.2008 an Erich Schmid


Lieber Erich,

Dein Film ist ein Meisterwerk. Klug, ergreifend und zutiefst überzeugend. Max Bill bleibt einer der ganz wenigen grossen Künstler des Jahrhunderts. Ein Revolutionär der Formen… und des Geistes. Ich erinnere mich genau, und mit Dankbarkeit, an unsere Gespräche im Bundeshaus. Es war im Nationalrat eine schwierige Zeit für mich. Max Bill – zu gross und bedeutend für die Schweizer Politik, für die helvetische Händlerrepublik – hat mir starken Beistand geleistet, mit seiner Ironie, seiner Warmherzigkeit. – Ich bewundere Deinen Film.

Herzliche Grüsse
Jean


Botta

Mario Botta am 26. Dezember an Angela Thomas

 

Faksimile Brief Mario Botta

Schubert

PETER SCHUBERT *

Das absolute Augenmass

Ein Film von Erich Schmid zum 100. Geburtstag von Max Bill, dem großen Schweizer Maler, Bildhauer und Architekten


Ein Steinbruch, wie man später hört, in Sardinien. Eine gewaltige Sprengung und das Gestein bricht auseinander. Der dramatische Filmanfang ist geschickt gewählt. Bill war auch eine Art Urgestein, einer der unbeirrt seinen Kopf durchsetzt, der von etwas überzeugt ist und es realisiert. Ein Unbequemer, der vorausschauend dafür plädiert, dass es in der Kunst um gesellschaftliche Verantwortung geht, um die Ästhetik des Einfachen. In seiner Heimat, der Schweiz, fand er erst viel später, und dann auch nur notgedrungen, Anerkennung.

Faksimile Südwest-Presse

Der Film löst später ein, was der Anfang verspricht. Erich Schmid versteht sein Handwerk. Das dokumentarisch‑filmische Porträt Max Bills, an dem er sechs Jahre gearbeitet hat, kommt jetzt in die deutschen Kinos; es hat Spielfilmqualität, hat Spannung, dramaturgische Höhepunkte, überraschende Momente und emotionalen Tiefgang. Letzteres wohl hauptsächlich weil Max Bills langjährige Liebe und spätere und letzte Ehefrau, die Kunsthistorikerin Angela Thomas, freimütig über ihre Liebe zu Bill und wie sie ihn erlebt und begraben hat, erzählt.

Der emotionale Freimut von Angela Thomas und Erich Schmid hat schon vor Erscheinen des Films für Unmut unter den Betroffenen und manchen selbsternannten Bill‑Experten geführt. Das schmälert jedoch in keiner Weise die Qualität des Films. Im Gegenteil, beweist diese Kontroverse doch, dass sich die Filmemacher nicht davor gescheut haben, ihre ganz persönliche Sicht auf Max Bill in den Film mit einzubringen. Deshalb lässt dieser Film, der auch ein objektiver, aber seelenloser Bericht hätte werden können, den Zuschauer nicht kalt. Man erlebt Bill in den verschiedenen Phasen seines Lebens, seinen Vater als Bahnhofsvorsteher in Winterthur, seine Mutter, die die verwundeten Soldaten versorgt hat, die geometrische Struktur der Gleise im Bahnhof Winterthur kann Max Bill vielleicht schon als Kind geprägt haben, vermutet Angela Thomas. Für eine vom kleinen Max völlig richtig gesehene Situation auf einem Bild, hat er vom Vater, der ihn falsch verstanden hat, eine Ohrfeige bekommen. Das Verhältnis zum Vater scheint nicht von väterlicher Liebe geprägt gewesen zu sein, steckte dieser ihn doch sogar wegen einer Lappalie in ein Erziehungsheim. Dort begann Max Bill zu malen. Mit dem Ergebnis, dass er als Siebzehnjähriger schon zu einer Ausstellung nach Paris eingeladen wurde, an der auch Le Corbusier beteiligt war.

Wegen allzu freizügiger Lebensweise wurde dem Studenten Max nahegelegt, die Kunstgewerbeschule Zürich zu verlassen. Da er aber einen Plakatwettbewerb für Suchard Schokolade und damit Geld gewonnen hatte, machte er mit seinem Vater einen Deal, dass der sich mit 50% an den Schulkosten am Bauhaus in Dessau beteiligen sollte. Damit begann Bills prägendste Zeit, die seine Kunst und seine gesellschaftspolitische Haltung für den Rest seines Lebens bestimmen sollte.

Als die Nazis das Bauhaus 1933 schlossen, ging Max Bill zurück in die Schweiz und schloss sich dem antifaschistischen Widerstand an. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Werbegrafiker, mit seiner aufrechten demokratischen Gesinnung aber gestaltete er politische Schriften und Bücher im Sinne der spanischen und italienischen Widerstandskämpfer gegen den Faschismus.

Erich Schmids Kameramann hat immer wieder sehr stimmungsvolle Bilder gefunden, die dem Film eine besondere ästhetische Qualität geben. Für viele historische

Phasen der Lebensgeschichte Bills konnte Schmid glücklicherweise lebendiges Archivmaterial auftreiben, so zum Beispiel ein Gespräch Max Bills mit dem kommunistischen, italienischen Schriftsteller Ignazio Silone, für dessen Zeitschrift "Information" Bill die Gestaltung übernommen hatte. Andere Phasen werden durch Schwarz‑weiß‑, oder Farbfotos anschaulich dokumentiert. Schmid erzählt Bills Leben in einem angenehmen, ruhigen Rhythmus, der für die Zuschauer viel Zeit zum Betrachten und Nachsinnen lässt.

Der junge Max informiert seinen Vater, dass er eine Frau kennengelernt habe, die er heiraten wolle. Die schriftliche Antwort des Vaters wird im Film verlesen: "Das Foto der Soubrette und Straßendirne M.B. die du dir zu deiner Frau auserkoren hast, folgt hiermit zurück. Du bringst mich noch zur Verzweiflung und frühzeitig ins Grab .........

Max, der finanziell vom Vater abhängig ist, muss nach‑ und seine "Nusch" aufgeben. Unter ihrem Kosenamen, den sie beibehält, wird sie zur mehrfach porträtierten Muse von Picasso.

Max Bill kommt mit führenden Vertretern der "konkreten Kunst", wie Piet Mondrian und Georges Vantongerloo, in Kontakt und entwickelt die ersten "unendlichen Schleifen", die so etwas wie sein Lebensthema werden. Eines dieser Möbiusschen Bänder, ein besonders eindrucksvolles, mehrfach in sich verschlungenes, wuchtiges Marmorband, er nennt es "Kontinuität', wird 1948, kurz nachdem er es aufgestellt hat, von rechtsgerichteten Schweizer Banausen zerstört. 40 Jahre später bekommt Max Bill überraschend von der Deutschen Bank in Frankfurt die Anfrage, ob er diese Skulptur neu erschaffen und vor dem Hauptgebäude der Deutschen Bank aufstellen wolle. Er nimmt den Auftrag an, eine mit ihm befreundete anarchistische Steinmetztruppe aus Carrara sprengt den Marmorblock für ihn, siehe Filmanfang, in Sardinien heraus und nach dreijähriger, sorgfältiger Arbeit wird die Skulptur enthüllt. Die Kamera umkreist die unendliche Schleife und zeigt sie in ihrer mathematisch ausgewogenen Schönheit in voller Größe. Angela Thomas meint dazu, dass sie diese Skulptur an Bill selbst erinnere, sie habe viele Öffnungen und viel Schützendes, das die Öffnungen umgibt.

Szenen wie diese hat Erich Schmid einfühlsam mit Musik unterlegt, die nicht nur den Betrachter zusätzlich emotional führt, sondern auch Bills Vorliebe für diese Art Musik wiedergibt. Der coole Jazz von André Bellmont und auch ein Ausschnitt einer C‑moll Sinfonie von Bach setzen zur richtigen Zeit emotionale Signale.

Bills Erfolg als Künstler, Architekt, Bildhauer und Maler gewinnt internationale Dimension. Der französische Kulturminister, André Malraux, lässt extra ein Gesetz ändern, um eine von Bills unendlichen Schleifen ankaufen und im Centre Pompidou ausstellen zu können. Vom amerikanischen Hochkommissar John McCloy erhält Max Bill den Auftrag in Deutschland eine Schule zu begründen, die durch ihre Gestaltunglehre auch demokratisches Bewusstsein im Nachkriegsdeutschland befördern soll. Zusammen mit Otl Aicher und seiner Frau Inge Scholl gründen sie die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Max Bill entwirft und erbaut die Schule und wird ihr erster Rektor. Hier gelingt es Erich Schmid durch anschauliches Archivmaterial und Interviews mit Max Bill zu zeigen, dass die Verbindung der drei Schulgründer an der Frage, ob die "hfg ulm" im Sinne des Bauhauses, oder als etwas völlig Neues geführt werden soll, zum Scheitern führen musste. Beide Institutionen existierten ungefähr gleich lang, die HfG 15, das Bauhaus 14 Jahre. Beide Schulen wurden von Nazis, die HfG Ulm durch den furchtbaren Juristen", Ministerpräsidenten Hans Filbinger, der als Marinerichter noch nach Kriegsende gegen Deserteure Todesurteile gefällt hat, geschlossen. Filbinger: "Wir wollen etwas Neues machen, dazu bedarf es der Liquidation des Alten."

Dass sowohl das Bauhaus, als auch die Hochschule für Gestaltung Ulm, trotz ihrer kurzen Existenz nachhaltige Wirkungen zeigen, belegt Schmid durch Beispiele. Der Designer Alexander Neumeister, der für die Entwicklung der letzten Generation von Hochgeschwindigkeitszügen, ICE 3 und ICT, verantwortlich ist, erklärt das kurz. Obwohl Neumeister als Ulmer Student Max Bill nicht mehr selbst erlebt hat, beweist er doch, dass der kulturelle und gesellschaftspolitische Anspruch, den Bill und das Ehepaar Aicher‑Scholl bei der Gründung der Ulmer Schule gefordert haben, trotz aller Richtungsstreits bis zum gewaltsamen Ende der Schule, die spätere berufliche Haltung der HfG ‑ Absolventen bestimmt hat.

1965 unterzeichnet Max Bill in der New York Times den ersten internationalen Künstlerprotest gegen die amerikanische Kriegsführung in Vietnam. Gleichzeitig fand in Ulm, noch vor Berlin, die erste von Studenten organisierte Vietnamdemonstration in Deutschland statt, lange nach dem Bill Ulm verlassen hatte. Dass dieser aufrührerische Geist den restaurativen Kulturpolitikern, in der Schweiz, ebenso wie im seinerzeit konservativ regierten Baden‑Württemberg, zuwider war, ist nur zu verständlich. Bill sah seine "konkrete Kunst" immer auch als politische Aussage gegen reaktionäre Strömungen und hat sich mit seiner Kritik auch nicht zurückgehalten, als zum Beispiel Johannes Itten eine Ausstellung von Nazi‑Kunst in der Schweiz ermöglichte.

Neben seiner gestalterischen und künstlerischen Tätigkeit fand Max Bill tatsächlich Zeit sogar vier Jahre als Schweizer Nationalrat politisch zu arbeiten. Wobei er sich natürlich auch dabei Feinde machte, weil er in dieser Funktion u.a. die Zusammenarbeit der Schweiz mit dem Südafrikanischen Apartheitsregime kritisierte. Der Schweizer Staatsschutz hatte ihn ständig im Visier. Im Film werden dafür Belege gezeigt, dass er im Fall der Fälle für eine Internierung vorgesehen war.

Eines seiner Lieblingswerke ist die in der Züricher Bahnhofsstraße stehende Pavillonskulptur. 18 Marmortore bilden einen"Knoten im Raum". So nannte Bill diese Skulptur, die nach seiner Aussage, das Gegenteil eines Labyrinths sein sollte. Die Menschen wurden von ihm aufgefordert davon Besitz zu ergreifen. Nur gegen anfänglich heftigen Widerstand von Seiten der Behörden und der Züricher Geschäftswelt konnte er die Skulptur realisieren. Jetzt ist sie aus der Züricher Bahnhofstraße nicht mehr wegzudenken und spielt auch für Max Bill selber, jetzt nach seinem Tod, eine ganz wesentliche Rolle. Warum, sei hier nicht verraten. Angela Thomas schildert es im Film den Zuschauern und erntet dafür nicht nur Lob. Die Stimmungen, die Erich Schmid, rund um den"Knoten im Raum" bei den unterschiedlichsten Wetterstimmungen eingefangen hat, gehören mit zu den intensivsten Bildern des Films.

1993, ein Jahr vor seinem Tod, erhält Max Bill, schon deutlich gealtert, die höchste Auszeichnung, die ein Künstler bekommen kann, den Premium Internationale in Japan, sozusagen den Nobelpreis für Kunst. Angela Thomas begleitet ihn zur Preisverleihung nach Japan. Den großen und bedeutenden Regierungschefs, die in der Jury saßen, fehlen leider die Worte, um ihre Entscheidung für Bill zu begründen. Helmut Schmidt sagt nur: "Ich mag ihn einfach." Ein bisschen mehr Artikulationsvermögen in Sachen Kunst hätte man sich von den Großen dieser Welt schon gewünscht.

Auf dem Furkapass hat Max Bill vier Granitblöcke als Ruhebänke nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet. Man könnte sich eine Gruppe von Zen‑Mönchen vorstellen, die sich zur Meditation darauf niedergelassen haben. Heinz Bissegger, ein Schweizer Architekt, gibt an diesem Ort den Hinweis für den Titel des Films. So wie manche Menschen das absolute Gehör hätten, so habe Max Bill wohl "das absolute Augenmass" gehabt.

Erschienen (gekürzt) in der "Südwest-Presse" vom 4. Dezember 2008
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* Der Filmemacher Peter Schubert war 1965 Absolvent der Filmabteilung an der HfG-Ulm bei Alexander Kluge. Er war Co-Autor des Films »Deutschland im Herbst« (1977) und wurde mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. www.peter-schubert-film.de

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