Er nannte sich Surava

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Neue Zürcher Zeitung, 7.4.1995

Er nannte sich Surava. Der Journalist Peter Surava , mit bürgerlichem Namen Hans Werner Hirsch, führte sein journalistisches Pseudonym, bis ein Urteil des Bundesgerichts ihm dies untersagte. Er war, als Redaktor und Geschäftsführer der Wochenzeitung «Die Nation», während des Zweiten Weltkrieges zwar kein Rufer in der Wüste, wohl aber der widerständigste Kämpfer für die Pressefreiheit. Als solcher wurde er Opfer der Zensur, der Verfolgung und der Verfemung. Mit seiner filmischen Personenbeschreibung arbeitet der Filmemacher Erich Schmid nun ein Stück vergessener, weil unterschlagener schweizerischer Zeitgeschichte auf.


Personenbeschreibung eines Verfemten

Zu Erich Schmids Film «Er nannte sich Surava»

«Er nannte sich Surava» lautet der Titel der Autobiographie von Peter Hirsch (Rothenhäusler- Verlag, Stäfa 1991). Das Buch war eine Überraschung, tauchte mit ihm doch ein Mann, von dem man durchaus der Meinung hatte sein können, dass er unter den Lebenden schon gar nicht mehr weile, aus dem Niemandsland auf. In dieses war er verstossen worden – durch einen Prozess (1949), in welchem ihm Urkundenfälschung und ungetreue Geschäftsführung vorgeworfen worden waren. Angestrengt hatte diesen Prozess die damalige Verlagsleitung der Wochenzeitung «Die Nation», deren Mitarbeiter Peter Hirsch in den dreissiger Jahren und deren hauptsächlicher Redaktor und gleichzeitiger Geschäftsführer er in den Jahren des Zweiten Weltkriegs dann war. Das Blatt war eine der Bastionen der geistigen Landesverteidigung, sofern man diese nicht als die Äusserung lautstarken Patriotismus verstand, sondern als Widerstand gegen die (nicht seltene) Versuchung durch den Totalitarismus des Dritten Reichs und als den Kampf für die Erhaltung und die Fortentwicklung einer demokratischen und rechtsstaatlichen Schweiz. Im Jahr 1933 gegründet – von Männern und Frauen aus allen Volksschichten, die sich über die Parteien hinweg gefunden hatten –, sollte die Zeitung ein Forum der demokratischen Einheit der Schweiz sein.

Schockierende Zensurakten

Als Peter Hirsch 1939 seine Redaktionsstelle bei der «Nation» antrat (die er zehn Jahre später verlassen sollte), betrug ihre Auflage um die 8000 Exemplare. In kurzer Zeit war dann die Auflage der Wochenzeitung, die Hirsch praktisch im Alleingang herausbrachte und deren bedeutendster, aber auch fleissigster Schreiber er war, auf rund 120 000 Exemplare gestiegen. «Die Nation», die nicht allein der Abwehr der rechtsextremistischen Treibereien verpflichtet war, sondern insbesondere dem Kampf gegen Leisetreterei und Anpassung, wie sie im Umgang der Behörden und auch im öffentlichen Disput in der für die Schweiz damals schwierigen Situation gängig geworden waren, fand von da an weite Verbreitung: Ihr Erfolg war das Siegel für die klare schweizerische Haltung ihrer Redaktion.
Obwohl Nichtjude, wurde Hirsch, dessen Vornahme eigentlich Hans Werner lautet, seines jüdisch klingenden Namens wegen öffentlich diskriminiert. Daraufhin zwang ihn sein Arbeitgeber, der so selber in den Geruch geriet, antisemitisch infizierbar zu sein, seinen Namen zu ändern. Der Kanton Zürich hiess sein bisheriges Pseudonym Peter Surava als bürgerlichen Namen gut. Nicht anders als heute gab es in der Schweiz auch in jenen Jahren einen latenten Antisemitismus, der rasch virulent werden konnte und der sich ganz gewiss offengelegt hat in den insgesamt vier Prozessen gegen Peter Surava, den unbestechlichen Journalisten.
Der Umstand, dass die Zensurakten im Bundesarchiv nunmehr eingesehen werden können, hat dem Personenporträt, das der Filmemacher Erich Schmid – wiederum unter dem Titel «Er nannte sich Surava» – von Peter Hirsch angefertigt hat, einen so sicheren Boden bereitet, dass nun, was einst nicht ganz beweisbar und deshalb Vermutung war, unbestreitbare Tatsache ist: An welchem höchsten Ort der Antreiber dieser jahrelangen Verfemung auszumachen ist, ist jetzt urkundlich. Liest man die handschriftlichen Eintragungen Bundesrat von Steigers, des Vorstehers des Polizei- und Justizdepartements, zu den von ihm angeordneten diffamierenden Enquêten über Peter Surava, wird man von so viel unverhohlenem Hass gegen einen Einzelnen, einen unbequemen Journalisten und Kritiker schockhaft überrascht.
Erich Schmid ist, wie er andeutet, bei einer Recherchierarbeit im Bundesarchiv, die einem anderen Thema galt, auf den Verfemten gestossen, von dem nach 1949, nach dem Urteil des Berner Gerichts, im Lande nichts mehr zu hören war. Die Lektüre der Autobiographie allerdings ergänzte er für den Film durch eigene Nachforschung, vorab natürlich durch die Befragung der Person, die er nun im Film zu porträtieren gedachte. Der Film ist mehr als eine Illustrierung der Autobiographie, zum einen darum, weil Peter Surava, der über seinen Lebenslauf und seine Arbeit zwar Auskunft gibt, hier nicht ausschliesslich als der Erzähler in eigener Sache auftritt. Zum anderen hat Erich Schmid die Person Suravas, bei aller Achtung vor dessen persönlichem Schicksal, zum Paradigma der Vernichtung eines Journalisten gesetzt.

Ein Paradigma journalistischer Arbeit

Über die Zeitgebundenheit des Falls hinaus macht er deutlich, dass und wie Mechanismen in Gang kommen, die, durchaus gesteuert, die Pressefreiheit einzwängen. Da Erich Schmid mit seinem Buch «Verhör und Tod in Winterthur» – von den Jugendunruhen zu Beginn der achtziger Jahre handelnd – selber die Erfahrung des Schreibverbots hat machen müssen, ist dem Film – bei aller Sachlichkeit, um die er bemüht ist – eine einschlägige Sensibilisierung anzumerken. Was diese Sachlichkeit angeht, äussert sie sich zum einen im Kommentar, der das biographische und gesellschaftlich-politische Geschehen begleitet und historisch situiert; auch den Steg bildet zu den – wenigen – Zeitzeugen wie Felix von Schumacher, Oskar Reck oder Max Bächlin, die zur Person Peter Suravas und zu seiner journalistischen Qualität sowie seiner charakterlichen Integrität befragt werden. Dieser Kommentar ist, was leider nicht in jedem schweizerischen Dokumentarfilm der Fall ist, einem professionellen Sprecher, Martin Walder, anvertraut worden.
Zum Kommentar treten nun die Dokumente, aus dem Bundesarchiv, doch auch aus dem Fichenfundus der Bundespolizei beigebracht, die diese Sachgenauigkeit belegen. Dank diesem Film findet nun ein Stück Schweizer Geschichte, das bisher mit eigenartiger Konsequenz verschwiegen worden ist, ans Licht. Ans Licht allerdings kommen nicht einzig die einschlägigen Akten. Das nicht geringste Verdienst des Films ist, dass «Die Nation» – eine Publikation, an welche Altersgenossen aus der Zeit des Weltkrieges wohl in der Mehrzahl nur noch eine diffuse Erinnerung haben und die den Jüngeren in der Regel völlig unbekannt geblieben ist – selbst wieder gegenwärtig wird: als das Forum, auf welchem so hartnäckig wie risikomutig für die Pressefreiheit gekämpft worden ist, und als das Forum jener seinerzeit so berühmten wie befehdeten Sozialreportagen, mit denen Peter Surava gemeinsam mit dem Photographen Paul Senn mehr als bloss Äusserungen von forensisch verwerteter Caritas betrieb, mit denen er vielmehr bis zu den Wurzeln der Missstände vordrang. Es war das in unserem Land der Beginn sowohl des Story-Journalismus wie der Pflege von journalistischer Anwaltschaftlichkeit. In Ausschnitten wenigstens gibt der Film so den Blick frei auf die pressegeschichtliche Bedeutung der «Nation». Über den Film hinaus ist nun allerdings auch die Geschichtsschreibung gefordert.

Filmische «Wiederbelebung»

Erich Schmid hat sich einem Mann genähert, der, bereits 83 Jahre alt, noch unter uns lebt; auch wenn wir ihn erst jetzt, mit dem Film, wieder oder überhaupt erst wahrnehmen. Mit der Szene einer Lesung vor Publikum in einer Buchhandlung beginnend, setzt der Film seine Beschreibung in der Gegenwart an, von wo aus er dann eine Rückschau entwickelt. In sie zurückgreifend, taucht aus der Vergangenheit chronologisch das biographisch-zeitgeschichtliche Geschehen dieses Lebens auf – bis über den Tag seines Verschwindens im Niemandsland hinaus. Mit Hinweisen auf den Fortgang der schriftstellerischen Arbeit (unter dem – nunmehr dritten – Namen Ernst Steiger ) und der privaten Lebensgeschichte.
Dass die filmische Statur von «Er nannte sich Surava» geglückt ist, ist der «Supervision» durch Richard Dindo, aber auch in hohem Masse der Kamera von Pio Corradi mit zu danken, wie denn auch die technische Bearbeitung (Schnitt Wilma Sieber-Panke, Videotransfer Hans Stürm ) die professionelle Qualität abgesichert hat. Die entscheidende Qualität indessen liegt in der durch den Film vermittelten, durch den Autor, der hier seine erste grössere filmische Arbeit vorlegt, erarbeiteten Information, die bei aller Vielfältigkeit übersichtlich bleibt. ( Movie in Zürich)

Martin Schlappner NZZ, 7.4.1995

Besprechung von Erichs Schmids Buch «Abschied von Surava» von Martin Schlappner


Zitate

«Wer sich für die verfolgten Juden gegen den Faschismus wehrte, lief Gefahr, selber verfolgt zu werden. Nicht nur in Deutsch- land - auch bei uns. Das zeigt der Film 'Surava'».
Schweizer Fernsehen DRS/TSI/TSR

«Peter Surava besucht in Erich Schmids Enthüllungskrimi die Orte seiner Vergangenheit. Was Schmid am Beispiel Suravas zutage fördert, ist skandalös: einen sogenannten Rechtsstaat, der durch die Hintertüre Druck ausübte, der still und heimlich zensurierte und auf diese Weise manipulierte. Nach Schmids Film wird man das Wort Neutralität endgültig nicht mehr neutral in den Mund nehmen können».
Tages-Anzeiger

«Peter Surava, eine Schweizer Affäre Dreyfus - nur wurde Surava nie rehabilitiert. Erich Schmid hat diesem Mann, der mutig war in einer Zeit, wo es wirklich Mut brauchte, um mutig zu sein, ein Denkmal gesetzt. Zur Aufführung kommt Bundesrätin Ruth Dreifuss um Peter Surava die Hand zu schütteln».
Die Weltwoche

«Schmid hat etwas gegen das Vergessen. Er drehte einen Film, kam damit nach Solothurn, führte ihn auf und verblüffte einen vollbesetzten Saal».
Basler Zeitung

«Der Film verliert sich nicht in formalen Spielereien. Erich Schmid will damit erreichen, dass im öffentlichen Bewusstsein der Schweiz der Name und das Schicksal Suravas endlich ihren Platz erhalten» (Bündner Zeitung)
«Bundesrätin Ruth Dreifuss besuchte den Dokumentarfilm 'Surava', der die Zensurpolitik des Bundesrates während des Zweiten Weltkriegs massiv kritisiert».
Die Ostschweiz

«Die Geschichte Suravas widerspiegelt auf unglaubliche Art und Weise ein immer noch verdrängtes Kapitel Schweizer Geschichte».
Luzerner Neuste Nachrichten

«Schmids filmische Biographie jagt einem kalte Schauer den Rücken hinunter».
Berner Zeitung

«Im Anschluss an den Empfang besuchte die Bundesrätin die Vorstellung des Films 'Surava', der den Fall des 82jährigen Journalisten Peter Hirsch aufrollt. Hirsch, der sich Surava nannte, prangerte im Zweiten Weltkrieg als Chefredaktor der Zeitung «Die Nation» die Nazi-Greuel an. Seine Artikel wurden immer wieder zensuriert und er selber schliesslich vom Bundesrat unter intriganten Vorwänden ins Gefängnis gesteckt. Bundesrätin Dreifuss freute sich in Anwesenheit von Surava über dessen 'verdiente Rehabilitation', wie sie sagte».
Bieler Tagblatt

«Der Filmemacher und Surava/Peter Hirsch rollen ein packendes und erschütterndes Stück Schweizer Zeitungsgeschichte auf, und das heisst, ein Stück politischer Geschichte, deren Kenntnis wichtig ist für das Heute».
Solothurner Zeitung

«Beeindruckend Erich Schmids Rekonstruktion der Verfemung und politischen wie sozialen Tilgung jenes Mannes, der während des Krieges die einzige wirklich kritische Zeitung der Schweiz produzierte, Peter Surava, den damaligen Chefredaktor der «Nation».
Basellandschaftliche Zeitung

«Moments intenses avec 'Surava', et un rendez-vous très fort avec l'histoire de la Deuxième Guerre mondiale.
L'Impartial

«Casi come questo che si può misurare l'importanza dell'esistenza di una cinematografia nazionale».
Corriere del Ticino

«Ein Schicksal, festgehalten durch das Medium Film, sorgt für Hühnerhaut im Kino«.
Radio DRS 2

(Auswahl von Pressestimmen nach der Uraufführung an den Solothurner Filmtagen, im Januar 1995)


Gespräch Sternstunde Philosophie, Schweizer Fernsehen 1995
Die Schweiz im geistigen Réduit
Der Bundesrat betrieb während des Zweiten Weltkrieges eine rigide Informationspolitik und Zensur. Darüber diskutieren in der «Sternstunde» der Journalist Hans Werner Hirsch alias Peter Surava, die ehemalige kommunistische Aktivistin Lydia Woog, die Historikerin Simone Chiquet und Nationalrätin Ruth Grossenbacher.
Das Video wird von SRF leider nicht mehr angeboten.


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