Staatenlos – Klaus Rózsa, Fotograf

Texte zum Film



Pressedossier (Zip-Archiv 1MB)



Die Personen des Films

Klaus Miklós RózsaOlga Majumder RózsaEgon Rózsa-JurinkovitsFranz SchumacherSusann Wach RózsaPeter SchneiderBruno SchöffelJosef EstermannKoni LöpfeAgnes Hirschi


Klaus Miklós Rózsa

Klaus Miklós Rózsa, geb. 11. September 1954 in Budapest

Frühes Trauma

Die Biografie, um die die Geschichte des Films gebaut ist, beginnt mit einem Trauma im Alter von zwei Jahren. Während des Ungarnaufstands 1956 traf eine sowjetische Panzergranate die Wohnung der Eltern in Budapest. Die Wohnung brannte. Die Eltern waren nicht zuhause. Russische Soldaten brachten die Kinder in den Luftschutzkeller, wo sie wochenlang ohne Tageslicht ausharren mussten.

Eigentlich hatten die traumatischen Verhältnisse schon vor seiner Geburt begonnen. Beide Eltern waren Opfer der Judenverfolgung in Ungarn, die Mutter überlebte knapp einen Pfeilkreuzleranschlag, der Vater wurde deportiert und überlebte Auschwitz und Dachau. Als es elf Jahre später bei der Niederschlagung des Ungarnaufstands erneut zu Krieghandlungen kam, befürchteten die Eltern, dass ihre beiden Kinder, Olga (damals sechs) und Klaus (zwei Jahre alt), Ähnliches erleben könnten, wie sie es erlebt hatten. Da entschlossen sie sich zur Flucht.

Limitierte Bewegungsfreiheit – häufige Konfrontationen

In der Schweiz blieb Klaus vier Jahrzehnte lang staatenlos, da seine Einbürgerungsgesuche, drei an der Zahl, allesamt aus politischen Gründen abgelehnt wurden. Er hatte sich in den 70er-Jahren in der linken Opposition engagiert, später in den leitenden Funktionen der Gewerkschaften.

Da er als Staatenloser nicht frei reisen konnte, war sein Radius eingeschränkt. In seinem Beruf als Pressefotograf war dies ein Hindernis, das zur Folge hatte, dass er allein deshalb auffallen musste, weil er ständig präsent war. Wer sich in einem engen Rahmen bewegen muss, fällt öfter auf als andere. Als Fotograf, der sein Brot an den Brennpunkten der Auseinandersetzungen verdiente, fiel er vor allem in Zürich auf, wo es konsequenterweise umso öfter zu Konfrontationen mit der Polizei kam.

Klaus war derart präsent, dass es schon hiess: Klaus provoziere mit der Kamera die Polizei und müsse sich nicht wundern, wenn er Prügel ernte. Diese Reaktion war selbst in seinen eigenen Kreisen anzutreffen. Immerhin war es eine linke Mehrheit im Zürcher Stadtrat, die beschloss, dass Klaus nach 40 Jahren Staatenlosigkeit immer noch nicht eingebürgert werden sollte. Der sozialdemokratische Stadtpräsident Josef Estermann (vgl. u.) apostrophierte Klaus gar öffentlich als „Intimfeind“ (NZZ vom 24.01.1994, S. 27), ein Ausdruck voller Hass, der weit über eine politische Gegnerschaft hinausführte.

Eine verantwortungsvolle Stadtregierung hätte aufhorchen müssen, als sie feststellen musste, dass es zwischen Klaus Rózsa und den Polizeibehörden immer wieder zu Zusammenstössen kam. Stattdessen schränkte sie mit verlängerter Staatenlosigkeit den Radius weiterhin ein und zementierte damit die sich häufenden Konfrontationen.

Dass es zu Konfrontationen kam, hatte nebst oben erwähnten auch noch andere Gründe, gute und weniger gute.

Die guten Gründe dafür waren, dass Klaus sowohl mit der Kamera wie auch als Präsident der Journalistengewerkschaft für die Pressefreiheit kämpfte: Ein Journalist sollte nicht weggewiesen, behindert oder gar zusammengeschlagen werden, wenn er die Polizei bei ihren Einsätzen fotografiert und im Sinne der vierten Gewalt kontrolliert. Das öffentliche Handeln der Ordnungshüter darf in einer Demokratie nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Doch gerade dies entsprach den Vorstellungen der Behörden. In den Staatsschutzakten heisst es über Klaus wörtlich: Er „hält Übergriffe der Polizei in allen Einzelheiten fest und behindert dadurch die Arbeit der Polizei.“

Der Wiederholungszwang

Die weniger guten Gründe für die vielen Konfrontationen liegen wohl beim Trauma. Die Psychologie spricht bei traumatisierten Menschen vom sogenannten Wiederholungszwang. Erlebtes Unrecht wird immer wieder neu erlebt, um es zu korrigieren. Bei Klaus ist die Rede vom erlebten Unrecht der ganzen Familie, das er von den Eltern mitbekommen hatte, und dem selbst erlebten in früher Kindheit. Diese Unrechtserfahrungen führten sozusagen seine Kamera immer wieder ganz nah an die Polizeiübergriffe heran, näher als andere Fotografen, die sich, etwa bei Krawallen, jeweils soweit wie möglich von Klaus entfernten, weil, wie ein Berufskollege es einmal ausdrückte, „die Gummigeschosse und das Tränengas immer dorthin flogen, wo Klaus stand.“

Ich habe das behandlungswürdige Trauma von Klaus aufgezeigt, aber es im Film nicht benannt, weil ich ja nicht Psychologe, sondern Autor bin. Ich wollte jedoch die Grundlagen dafür liefern, dass die Biografie von Klaus auch Behandlungswürdiges unserer zivilisierten Gesellschaft denunziert.

Unrechtmässige Verhaftungen, gefälschte Beweise

Hinzu kam, dass er während der Zürcher Jugendunruhen der Achtzigerjahre nicht nur mit der Kamera unterwegs war, sondern als Aufständischer selber zum Megaphon griff. Deshalb wurde er 1980 zusammen mit fünf anderen Jugendlichen als „Rädelsführer“ präventiv verhaftet – einmal mehr zu Unrecht mit relativ hohen Entschädigungsfolgen für den Staat.

Mehrmals versuchte ihn die Justiz mit gefälschten Beweisen oder falschen Zeugenaussagen zu verurteilen. In einem Fall mit einer Fotomontage, die Klaus mit einer Baulatte in der Hand zeigt. Als der Anwalt die Akten anforderte, um ein Verfahren gegen die Justiz einzuleiten, war die Fotomontage aus den Justizakten verschwunden.

In einem schwerwiegenderen Fall wurde er auf dem Heimweg von vier Streifenwagen planmässig gestoppt, aus dem Auto gezerrt und bewusstlos geschlagen. Es war ein Racheakt von Polizisten, wie das Gericht später feststellte, um ihm einen Denkzettel zu verpassen.

Klaus erlebte soviel Unrecht am eigenen Leib, dass ich im Film nicht alle Fälle dokumentieren konnte.

Schutz öffentlicher Ämter

Aufschlussreich ist noch ein Phänomen: Während Klaus halböffentliche Ämter innehatte, liess ihn die Polizei mehr oder weniger in Ruhe. Erst als er die Ämter ablegte und sich ins Private zurückzog, wurde ihm ein Vorfall am 4. Juli 2008 wieder zum Verhängnis, als er den Polizeieinsatz bei einer Stadion-Besetzung durch Jugendliche fotografierte und erneut misshandelt wurde. Danach suchte er seine Ruhe im ursprünglichen Herkunftsland und zog nach Budapest. Heute pendelt er – immer noch traumatisiert und manchmal reizbar - zwischen Budapest und Zürich.

Olga Majumder Rózsa

Schwester Olga Majumder Rózsa, geb. 7. Mai 1950 in Budapest

Leben im Namen der Toten

Ihren Namen erhielt Olga von einer Tante, die in Auschwitz vergast worden war. In ihrer Familie benannte man die Kinder nach den Verwandten, die den Holocaust nicht überlebten. Sie war ebenfalls traumatisiert von einer Kindheit im Luftschutzkeller. Auch später noch hörte sie jeden Tag zu Hause das Wort Krieg, „Háború“, während die Eltern als ungarische Flüchtlinge in der Schweiz kurzgehalten und zweimal aus pekuniären Gründen von ihren Kindern getrennt wurden. Sie mussten bei der Heilsarmee übernachten, während Olga und Klaus in ein Kinderheim kamen.

Olga wurde 1972 als erste eingebürgert und konnte dadurch mit 16 Jahren nach Ungarn reisen, um ihre Verwandten zu besuchen. Viele dieser Verwandten lernte Klaus nicht mehr kennen, da sie starben, bevor er zwanzig Jahre später, 1992, den ungarischen Pass erhielt und erstmals nach Budapest reisen konnte. Den Schweizer Pass erhielt Klaus erst im Jahr 2000 durch die Heirat mit der damaligen Fernsehredaktorin Susann Wach.

Die Mutter starb früh an Krebs. Sie litt an den Spätfolgen eines im Januar 1945 erfolgten rechtsextremistischen Überfalls auf ihre Familie, die väterlicherseits katholisch (Jurinkovits) und mütterlicherseits jüdisch (Rothschild) war. Als die Mutter, Livia Rózsa-Jurinkovits, starb, war Olga 20 und Klaus 16 Jahre alt.

Egon Rózsa-Jurinkovits

Egon Rózsa-Jurinkovits, geb. 1924 in Siebenbürgen, gest. 2013 in Zürich

Auschwitz und Dachau überlebt

Der Vater von Klaus und Olga wurde 1944 mit seiner Familie aus Ungarn nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo er als kleiner Mann nur dank der Hilfe seines Vaters (Grossvater von Klaus und Olga) überlebte, indem er beim Appell auf einen Backstein stand, um grösser und arbeitsfähig zu erscheinen. Nach neun Monaten, Ende Januar 1945, kam Egon Rózsa mit seinem Vater nach Dachau, wo die beiden in den Bayerischen Motoren Werke BMW Zwangsarbeit leisten mussten. Im Mai 1945 wurden sie von den Amerikanern befreit. Anhand eines Fotos erzählt Egon Rózsa, dass von den 13 darauf abgebildeten Familienmitgliedern zehn in Auschwitz vergast wurden.

Als Egon Rózsa nach einem langen Rechtsstreit in den 60er Jahren eine Wiedergutmachungsrente aus Deutschland bekam, konnte die Familie es sich leisten, Klaus in ein deutsches Internat für ungarische Flüchtlingskinder zu schicken. Dort erlebte Klaus ein repressives Erziehungsregime und Körperstrafen.

Wegweiser zur Erinnerung

Dies kam allerdings erst zur Sprache, als Klaus mit seinem Vater das erste Mal nach Budapest fuhr. Als die beiden an einem Wegweiser nach Dachau vorbeikamen, meinte Klaus etwas gedankenlos, was er, Egon, im Dachauer Konzentrationslager erlebt habe, sei wohl etwas Ähnliches gewesen wie das, was er im deutschen Internat erlebt habe. Da brach der Vater zusammen und weinte. Klaus musste anhalten und ihn trösten. Auf der Weiterfahrt erzählte der Vater zum ersten Mal ausführlicher, was er in den Konzentrationslagern der Nazis erlebt hatte.

Franz Schumacher

Rechtsanwalt Franz Schumacher, Verteidiger von Klaus und SP-Politiker in den Zürcher Parlamenten

Der leidenschaftliche Gratisanwalt

Franz Schumacher hatte Klaus in Dutzenden Verfahren verteidigt, oft gratis. Einmal warf die Bezirksanwaltschaft Klaus vor, er habe eine Autoantenne abgebrochen, worauf er wegen Sachbeschädigung verurteilt wurde. Franz Schumacher appellierte ans Obergericht, welches das Urteil bestätigte, worauf Schumacher Beschwerde beim kantonalen Kassationsgericht einreichte. Mit Erfolg. Es kam zur Neubeurteilung vor Obergericht. Doch das Obergericht verurteilte ihn zum zweiten Mal. Nun zog Schumacher den Fall ans Bundesgericht. Klaus wurde nach sieben Jahren endgültig freigesprochen. Danach wurde sein zweites Einbürgerungsgesuch mit der Begründung abgelehnt, er sei vorbestraft – trotz Freispruchs.

Treffende Analyse

Franz Schumacher analysiert die Biografie von Klaus mit folgenden Worten:

„Klaus war ein wunderbarer, mutiger Mensch. Ich erlebte dann seinen Vater, ein kleiner gebeugter Mann, wahnsinnig ängstlich wirkte er. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass er das Konzentrationslager überlebt hatte. Da dachte ich, dass sich Klaus anstelle seines Vaters gegen die Willkür besonders engagiert. – Der totalitäre Teil des Staates, den jeder Staat ein Stück weit in sich hat – der machte ihn rasend. – Das hat damit zu tun, dass er gezeichnet war durch das Schicksal eines jüdischen Menschen im deutschen Konzentrationslager.“

Susann Wach Rózsa

Susann Wach Rózsa, Ehefrau von Klaus seit 1995, Fernsehredaktorin, heute Lehrerin

Ungarisch gelernt

Durch die Heirat im Jahr 1995 mit Susann Wach erhielt Klaus den Schweizerpass, jedoch erst nach Ablauf der damals maximalen Bewährungsfrist von fünf Jahren für Eheschliessungen mit Nichtschweizern. Den Pass brachte der Postbote am 24. Dezember 2000, am Heiligen Abend, per Nachnahme wie ein Geschenk, für das man bezahlen musste.

Susann Wach Rózsa wanderte, nachdem sie das Schweizer Fernsehen verliess, mit Klaus nach Budapest aus, wo sie zunächst in einer kleinen Wohnung von Egon Rózsa wohnten, bis sie eine eigene grössere Wohnung erwarben. Susann Wach Rózsa spricht fliessend Ungarisch.

In den Ferien Verhaftung erlebt

Als sie mit Klaus zum ersten Mal von ihrem neuen Wohnort, also von Budapest nach Zürich in die Ferien fuhren, gerieten sie am 4. Juli 2008 in eine Polizeisperre beim Zürcher Hardturm-Fussballstadion. Jugendliche protestierten mit einer Besetzung des seit Jahren brachliegenden Geländes gegen die Kommerzialisierung des Public Viewing bei den damaligen Europameisterschaften. Klaus hielt den Wagen an, nahm seine Kamera und fotografierte den Polizeieinsatz, bei dem vier Polizisten mit Gummigeschossen und Schlagstöcken mit aller Härte gegen die Besetzer vorgingen.

Als ein Polizist ihn erkannte und rief: „Rózsa, du Sauhund, hier wird nicht fotografiert!“ zog sich Klaus zurück, wurde aber vom Polizisten eingeholt und zu Boden gerissen. Klaus konnte gerade noch seinen Fotoapparat Susann übergeben und sagte, sie solle abdrücken und dokumentieren, was da geschehe. Susann fotografierte, wie Klaus vor ihren Augen von den Polizisten malträtiert wurde, wie ihn die Beamten würgten, ihm die Brennnessel machten, das Gilet über den Kopf zogen, ihm den Schlüsselanhänger vom Hals rissen, ihn zu Boden drückten und ihn eine halbe Stunde lang quälten. Diese Fotos sieht man im Film.

Trübe Justizerfahrungen

Klaus klagte die Polizisten an wegen Körperverletzung, worauf die Polizisten aussagten, Klaus habe sie während der Festnahme als „Nazi“ beschimpft. Innerhalb eines Jahres wurde Klaus durch alle Instanzen hindurch verurteilt wegen Beschimpfung. Sein Verfahren gegen die Polizisten wurde eingestellt, nach Berufung wieder aufgenommen, dann acht Jahre lang verschleppt. Irgendwann dürfte die absolute Verjährung eintreten.

Drei Jahre lang wartete die Staatsanwaltschaft, bis sie Susann Wach Rózsa erstmals als Zeugin aufbot, um auszusagen. Im Kontext dieses Verfahrens war es offensichtlich, dass die Justiz so lange zuwartete, bis in der Erinnerung der Zeugin Lücken in Details entstanden, um die Zeugin auf diese Weise leichter in kleinere Widersprüche zu verwickeln und unglaubwürdig zu machen. Zudem musste Susann im Beisein der misshandelnden Polizisten aussagen, welche während der Befragung ständig grinsten. „Sie wussten ganz genau, dass ihnen nichts passieren kann“, sagt Susann im Film.

Sie hatte – betrachtet man die ganze Geschichte von Klaus – nur ein Beispiel erlebt, wie die Justiz seit Jahrzehnten mit ihrem Ehemann umgegangen ist. Klaus wollte, dass sie ebenfalls Klage gegen die Polizisten erhebt, weil auch sie Tätlichkeiten abbekommen hatte. Doch angesichts ihrer ersten derartigen Erfahrungen mit der Justiz verzichtete sie darauf.

Peter Schneider

Peter Schneider, Bezirksanwalt von 1977-81

Verheerende Krawalljustiz der Achtzigerjahre

Peter Schneider quittierte seinen Dienst, weil er als Untersuchungsrichter der Bezirksanwaltschaft (heute Staatsanwaltschaft) während der Zürcher Jugendunruhen von 1980-82 miterleben musste, wie nicht nur Demonstranten, sondern auch die Justiz so viele Rechtsverletzungen beging, dass diese zur Regel wurden. Er hielt es nicht mehr aus, weil es eine andere Qualität hat, wenn der Staat gehäuftes Unrecht begeht, als wenn Privatpersonen gegen das Gesetz verstossen. Einzelfälle von Rechtsverletzungen hätte Schneider noch ertragen, aber „in dieser Summierung“ seien sie „verheerend“ gewesen, sagt er.

Das Ziel der Justiz war, so viele Jugendliche so rasch wie möglich wegen Landfriedensbruch, Sachbeschädigungen etc. zu verurteilen. Zu diesem Zweck fälschten die Beamten Beweise, sie liessen Polizisten kritiklos untereinander absprechen, ordneten ungesetzliche Untersuchungshaft an und sammelten entgegen prozessualer Regeln ausschliesslich belastendes Beweismaterial, Entlastungsbeweise wurden unterdrückt, Zeugen nicht angehört etc.

Türkische Verhältnisse

Schneider sagt: Der renommierte Strafrechtsprofessor Peter Noll habe die damalige Zürcher Krawalljustiz mit der Militärjustiz in der Türkei verglichen.

Unter diesen Bedingungen wurden von 1980-82 in Zürich 4‘000 Jugendliche verhaftet und Hunderte verurteilt. Während der Auseinandersetzungen wurden 30 Polizisten verletzt, derweil rund 500 Demonstranten Knochenbrüche erlitten und mehrere Augen herausgeschossen wurden.

Bruno Schöffel

Bruno Schöffel, Taxichauffeur

Zeuge der Rache-Nacht

Bruno Schöffel fuhr im März 1982, in der Nacht, nachdem das Autonome Jugendzentrum AJZ abgebrochen worden war, zufällig am ehemaligen Warenhaus OBER vorbei und sah mehrere Polizeifahrzeuge. Er hielt an und traute seinen Augen nicht. Er wurde Zeuge eines Überfalls, den nicht Verbrecher, sondern die Polizei verübte. Beamte schlugen Klaus Rózsa, der am Boden lag, bewusstlos und traten mit den Stiefeln gegen seinen Kopf. Bruno Schöffel schlief schlecht in dieser Nacht. Dann meldete er sich als Zeuge. Drei Polizisten wurden seiner Aussage wegen verurteilt.

Josef Estermann

Josef Estermann, SP, Stadtpräsident 1990-2002

Estermann unterzeichnete Nichteinbürgerungs-Antrag

Josef Estermann war der einzige der ehemaligen Stadträte, der bereit war, im Film aufzutreten. Die anderen, die sich mit Klaus Rózsa schwertaten, lehnten ihre Mitwirkung ab. Es sei schon zu lange her, er möge sich nicht mehr erinnern (Polizeivorstand Robert Neukomm), sie habe die damalige Zeit hinter sich gelassen (Nachfolgerin Esther Maurer). Als wir Estermann fragten, weshalb wohl seine Stadtratskollegen es ablehnten, im Film aufzutreten, meinte er, es habe ihnen wohl an Mut gefehlt.

Wir interviewten Josef Estermann am 16. September 2013 von 09.30 bis ca. 10.30 Uhr im Musiksaal des Zürcher Stadthauses. Im Hintergrund ein Blick aus dem Fenster auf das sich im Wasser der Limmat spiegelnde Rathaus, wo das dritte Einbürgerungsgesuch von Klaus Rózsa an einer öffentlichen Sitzung verhandelt worden war. Estermann hatte als Stadtpräsident den Nichteinbürgerungs-Antrag des Stadtrats unterschrieben. Der Gemeinderat (Legislative) folgte seinem Antrag und lehnte die Einbürgerung ab. Klaus Rózsa blieb staatenlos.

Interview gerichtlich verboten

Im Interview sollten die Fragen geklärt werden, weshalb es dazu kam, dass Estermann als sozialdemokratischer Parteigenosse von Klaus bei diesem hoch-politischen Geschäft, das in den Züricher Medien Aufsehen erregte, federführend war.

Um es vorwegzunehmen: Estermann liess die Verwendung des Interviews nachträglich verbieten. Der Grund für den Rückzug war, dass ich, nachdem das Interview unergiebig war, ein spontanes Zusammentreffen mit Klaus Rózsa arrangierte. Als Klaus den Musiksaal betrat, war Estermann unangenehm überrascht, worauf ich Klaus aufforderte, wieder wegzugehen. Gleichzeitig wollte auch Klaus unter diesen Umständen hinausgehen. Doch da hielt Estermann ihn auf, indem er Klaus aufforderte zu bleiben.

Das Interview wurde als ruhiges Gespräch zwischen Klaus und Estermann fortgesetzt und aufgenommen. Nach dem Interview behauptete Estermann, er habe nicht gewusst, dass dieses Gespräch aufgenommen wurde, obschon zwei Kameras, mehrere Mikrophone und eingeschaltete Beleuchtungskörper auf ihn gerichtet waren. In Wirklichkeit musste Estermann realisiert haben, dass dieses Gespräch sein Image trüben könnte.

Nicht „Ungarn“, sondern „staatenlos“

Denn der präsidiale Nichteinbürgerungs-Antrag trug nicht nur seine Unterschrift, sondern enthielt auch einen fatalen Fehler: Die Staatsangehörigkeit von Klaus war nicht „Ungarn“, sondern Klaus Rózsa lebte bereits vierzig Jahre lang staatenlos in Zürich. Ungarn hatte den 56er-Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft im Ausland aberkannt.

Dieser fehlerhafte Nichteinbürgerungs-Antrag war deshalb fatal, weil er die Grundlage bildete für die Entscheidung im Stadtrat und im Gemeinderat. Wäre in Estermanns Nichteinbürgerungs-Antrag ersichtlich gewesen, dass es sich beim gesuchstellenden Klaus Rózsa um einen Staatenlosen handelte, wären die Abstimmungen im Stadtrat und im Gemeinderat eventuell anders verlaufen. Zumindest hätte Klaus grössere Chancen gehabt, eingebürgert zu werden. Aber Estermann und sein mitunterzeichnender Stadtschreiber hatten sowohl den neunköpfigen Gesamtstadtrat wie auch die über hundert Gemeinderäte in der Tat irregeführt. Ob beabsichtigt oder geschludert, war nicht mehr zu erfahren.

Die Arroganz der Macht

Als ich Estermann in unserer Korrespondenz darauf aufmerksam machte, schrieb er mir zurück (Mail v. 22.04.2014 19:49):

„Ich habe Klaus seine ‚Staatenlosigkeit‘ nie vorgeworfen – wie sollte ich auch? Im übrigen meine ich, dass Klaus es, wenn er gewollt hätte, in der Hand gehabt hätte, lange vor den von Dir angeführten vierzig Jahren eingebürgert zu werden.“

Aus dieser Antwort geht nicht klar hervor, was Estermann meinte. Doch die Behauptung, dass Klaus es „in der Hand gehabt hätte“, sich vorher einbürgern zu lassen, war wiederum falsch. Denn Klaus hatte in den 70er und 80er Jahren bereits zwei Einbürgerungsgesuche eingereicht, die beide abgelehnt worden waren; das erste Mal mit der Bemerkung eines Polizeibeamten, er wolle „keine Flöhe“, das zweite Mal, weil Klaus im Strafregister als vorbestraft geführt wurde, obschon er gar keine Vorstrafe hatte.

„Intimfeind“ Klaus Rózsa

Über Estermanns bewusstes oder unbewusstes Motiv, den irreführenden Nichteinbürgerungsantrag eines Staatenlosen zu unterzeichnen und damit auch zu verantworten, gibt es nur einen Hinweis: Er titulierte Klaus gemäss der Neuen Zürcher Zeitung vom 24.01.1994 auf Seite 27 als „Intimfeind“.

Der Zustand der Staatenlosigkeit verstösst gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und gegen die Rassismuskonvention. Nichtsdestotrotz wurde Josef Estermann zehn Jahre nach seinem Nichteinbürgerungs-Antrag mit dem „Fischhof-Preis“ der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GSM/GRA) geehrt. Denselben Fischhof-Preis erhielten 1996 wohlverdient auch Peter Surava (dessen Biografie ich zuvor verfilmt hatte) und wohl etwas umstrittener im Jahr 2005 der Fifa-Präsident Sepp Blatter.

Estermann klagt gegen die Filmproduktion

Estermann liess die Filmaufnahmen im Stadthaus zunächst durch eine einstweilige Verfügung des zuständigen Gerichts verbieten. Als wir mit der Verfügung nicht einverstanden waren, klagte uns Estermann ein wegen Persönlichkeitsverletzung. Daraufhin liess Gericht in einer schriftlichen Stellungnahme und im anschliessenden Vergleichsgespräch durchblicken, dass es Estermanns Klage gutheissen würde. Estermann habe das Recht, sein Interview zurückzuziehen und die Verwendung der Filmaufnahmen zu verbieten. Begründung: 25 Jahre nach dem Ereignis bestehe keine zwingende Aktualität mehr, und der Film komme auch ohne das Interview zustande. Unter diesen Voraussetzungen anerkannten wir Estermanns Klage, obschon die Rechtslage nicht eindeutig war. Aber das Risiko eines Weiterzugs wollten wir nicht eingehen, da bis zum damaligen Stand des Verfahrens schon relativ hohe Kosten entstanden waren.

Zumindest können wir heute belegen, dass wir uns ausreichend bemüht hatten, die „Gegenseite“ von Klaus im Film zu Wort kommen zu lassen. Selbst unser Angebot, das Interview zu wiederholen, lehnte Estermann vor Gericht ab.

Offensichtlich bangte der sozialdemokratische Alt-Stadtpräsident und Präsident des Zürcher Opernhauses um seine stadtbürgerliche Gesellschaftsehre. Er hatte inzwischen wohl realisiert, dass sein damaliger Nichteinbürgerungs-Antrag nicht nur einen gravierenden Fehler enthielt, sondern auch ein politischer Fehler war. Und zu diesem Fehler wollte er sich nach so langer Zeit öffentlich nicht mehr äussern. Das war sein gutes Recht. Nun tut dies stattdessen seine Unterschrift unter dem fehlerhaften Dokument, das wir im Film zeigen (siehe unten). Dass die Verfilmung einer Biografie, die stark von drei Nichteinbürgerungen geprägt war, nicht um diese Darstellung herumkam, hat allein sachliche Gründe.

 
Dokument aus dem Stadtarchiv Zürich


Koni Löpfe

Koni Löpfe, von 1991-2009 Präsident der SP Stadt Zürich, Redaktor der Parteizeitung „PS“

„Da spinnen ein paar Leute!“

Koni Löpfe sagt im Film über Leute im Zürcher Stadtrat und im Gemeinderat, die gegen die Einbürgerung von Klaus Rózsa stimmten: „Da fanden wir einfach alle: Hallo, da spinnen ein paar Leute!“

Agnes Hirschi

Agnes Hirschi, Stieftochter von Carl Lutz, aufgewachsen während des 2. Weltkrieges in Budapest.

Als Kind den Krieg in Budapest miterlebt

Carl Lutz war von 1942-45 Schweizer Vizekonsul in Budapest und ging als Judenretter in die Geschichte ein. Er richtete 76 Schutzhäuser für Verfolgte ein, stellte als Abteilungsleiter „Fremde Interessen“ laufend Schutzbriefe aus und rettete auf diese Weise 62‘000 Juden das Leben. Damals wurden von 825'000 Juden in Ungarn 565'000 in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet. Agnes Hirschi hatte im Alter von sechs Jahren die Bombardierung der Schweizer Botschaft miterlebt. Sie spricht deutsch und ungarisch.

Sie trifft Klaus Rózsa spontan am Denkmal für ihren Vater in Budapest. Es entwickelt sich ein Gespräch. Klaus sagt, dass er öfter hierher komme und Schulklassen aus der Schweiz erkläre, wer Carl Lutz gewesen sei.

Judenrettung als Kompentenzüberschreitung taxiert

An diesem Ort thematisiert der Film, wie die offizielle Schweiz mit Landsleuten umgehen kann, wenn deren Geschichte einen Schatten auf das Land wirft. In diesem Sinne steht Carl Lutz in einer Reihe mit Peter Surava und Paul Grüninger. Sie waren mutige Menschen, die von den Behörden kaltgestellt wurden, bevor ihnen die Geschichte recht gegeben hat. Carl Lutz hatte in Budapest falsche Papiere ausgestellt, um Menschenleben zu retten. Er führte gefährliche Verhandlungen mit den Nazis und stand derart unter Dauerstress, dass er am Ende des Krieges ausgezehrt, krank und psychisch angeschlagen in die Schweiz zurückkehrte. Er hatte „das Äusserste gegeben, mehr als was möglich war, er ist eigentlich über sich hinausgewachsen“, sagt seine Tochter. Doch in Bundesbern warfen ihm die Vorgesetzten Kompetenzüberschreitungen vor. Sie degradierten und demütigten ihn, statt seine humanitären Aktionen anzuerkennen. Er landete im Nervensanatorium und starb mit achtzig Jahren verbittert und vereinsamt. Nach seinem Tod 1975 wurde er international geehrt.


Klaus Miklós RózsaOlga Majumder RózsaEgon Rózsa-JurinkovitsFranz SchumacherSusann Wach RózsaPeter SchneiderBruno SchöffelJosef EstermannKoni LöpfeAgnes Hirschi


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