Jeevan

(Jeevan)

Press Review


Pressestimmen zur Fernsehausstrahlung

"Der Dokumentarfilm von Erich Schmid zeigte auf anschauliche und erschütternde Weise, wie rücksichtslos eine singhalesische Mehrheit in Sri Lanka versucht, eine tamilische Minderheit zu unterdrücken. Der Film machte auch dem hinterletzten Zuschauer klar, weshalb Tamilen in der Schweiz Schutz und Asyl suchen. Es war sicher richtig und wichtig, diesen Beitrag in einer Jugendsendung zu zeigen. Auf der andern Seite hätte dieses Dokument ein breiteres Publikum zu besserer Sendezeit verdient und nötig gehabt".
"Tages‑Anzeiger", 8. Januar 1991

"Für das, was der Journalist Erich Schmid geleistet hat, indem er die Totenurne zur Familie von Jeevan Selvarajah ins Bürgerkriegsgebiet von Sri Lanka brachte, ist wohl das Wort "Trauerarbeit" angebracht. ( ... ) Doch Emotionen für einen Einzelnen, dessen Erscheinen seinem Arbeitgeber jeweils vorkam, wie wenn eine Sonne aufgegangen wäre, sind gewiss nicht zu verurteilen".
"Neue Zürcher Zeitung", 7. Januar 1991

"Der Ausgangspunkt war eindrücklich: Eine Reise mit einer Urne aus der übersättigten Schweiz in das Hungergebiet im Norden Sri Lankas. Von dieser Reise zeigte Erich Schmid ungeschminkte Bilder: Krieg, Elend und Zerstörung machten deutlich, weshalb einer wie Jeevan keine andere Möglichkeit hatte, als zu fliehen".
"Der Bund", 7. Januar 1991


Aus der Zeitschrift »Achtung Sendung!« (Schweizer Schulfernsehen)

Jeevan ‑ Ein Minderheitenproblem (Sri Lanka)

Produktion: SRG – Autoren: Erich Schmid/Jean‑Jacques Vaucher – Eigenproduktion Sendelänge: 30 Minuten Hochdeutsch/Mundart

Jeevan kam aus Tamil Eelam

Weshalb suchen Tausende von tamilischen Flüchtlingen hierzulande Asyl? ‑ Auf diese Frage soll der Filmbeitrag Antworten liefern. Er richtet sich auch an die vielen Menschen in der Schweiz, die der Frage ausweichen und in stummer Ablehnung erstarren oder mit Fremdenfeindlichkeit und Rassismus regieren.

Im Norden Sri Lankas leben die tamilischen Landsleute als unterdrückte Minderheit; ihre Heimat nennen sie Tamil Eelam. Von dort stammte Jeevan, der im Sommer 1990 einem rassistischen Übergriff in Regensdorf zum Opfer fiel. Der Film ist in erster Linie ein aktueller Reisebericht, geht aber an den einzelnen Stationen mit Filmdokumenten auch auf die geschichtlichen Hintergründe der Konfliktsituation in Sri Lanka ein.

Jeevan, ein 22jähriger tamilischer Asylbewerber, starb im Sommer 1990 an den Folgen eines Faustschlags, den ihm ein angetrunkener Schweizer in Regensdorf versetzt hatte. Jeevan sass nichtsahnend auf dem Vorplatz des Gemeindezentrums und unterhielt sich mit seinem tamilischen Freund am Rande des Dorfbrunnens. Auf der andern Seite des Brunnens sass eine Gruppe von jugendlichen Schweizerinnen und Schweizern, die aus einer Diskothek kamen und im Freien Luft schnappten. Die Sommernacht war lau, das Klima in jeder Beziehung angenehm. Dieser Stimmung setzte nach Mitternacht ein Mann in mittleren Jahren ein jähes Ende. Er kam angetrunken von einem Firmenfest, trat auf den Vorplatz und urinierte provokativ in eine Blumenkiste. Als die Jugendlichen ihn auslachten, stürzte sich der Mann nicht etwa auf sie, sondern auf Jeevan, der sich ruhig verhalten hatte und immer noch am andern Ende des Brunnens sass. Der Mann entpuppte sich später als Ex‑Schweizer‑Meister im Boxen. Ein einziger Schlag hatte zur Folge, dass Jeevan am folgenden Tag im Spital den Verletzungen erlag. Ein jugendlicher Augenzeuge hatte noch gehört, wie der Täter «Sautamile» gesagt hatte, bevor er die Faust erhob.

Dieses Ereignis warf in der ganzen Schweiz hohe Wellen von Trauer und Protest. In mehreren Städten gab es Kundgebungen, Mahnwachen und einen dreitägigen Hungerstreik. Inzwischen versuchten die Hilfswerke, die Überführung der Leiche in die Heimat zu organisieren. Doch dies verunmöglichte der Krieg in Sri Lanka. Jeeven musste schliesslich in der Schweiz kremiert werden.

Im September reiste ein Schweizer Journalist im Auftrag der Hilfswerke und des Anwalts der Hinterbliebenen nach Sri Lanka, um Jeevans Mutter im tamilischen Norden die Urne zu überbringen. Auf dieser Reise rekonstruierte er, mit der Kamera rückwärtsblickend, die verschiedenen Stationen von Jeevans Flucht aus seiner Heimat und bewegte sich gleichzeitig vorwärts ins Zentrum des tamilischen Konflikts auf der Halbinsel Jaffna.

Der daraus entstandene Film geht aus von den Ereignissen in der Schweiz, zunächst mit Bildern vom Tatort Regensdorf und den darauffolgenden Kundgebungen. Zu Wort kommen tamilische Asylbewerber in Regensdorf.

Sie erzählen, wie auf ihre Unterkunft Schüsse fielen und wie jugendliche Mofabanden mit Steinen die Scheiben einwarfen. Auf der anderen Seite berichtet der Wirt, bei dem das Opfer beschäftigt war, wie in der Küche die Sonne aufgegangen sei, als Jeevan jeweils zur Arbeit erschien. Und noch einmal wird die Betroffenheit tamilischer Asylbewerber in der Schweiz dargestellt ‑ diesmal aus der Sicht von Verwandten, die dem Journalisten die Urne übergeben, um sie mit auf die Reise zu nehmen. Sie erklären die Gründe, welche Jeevan zur Flucht bewogen hatten: Verhaftung und Folter, weil er wie viele Jugendliche seines Alters verdächtigt wurde, mit der tamilischen Aufstandsbewegung zu sympathisieren.

Die ersten Bilder in Sri Lanka beschäftigen sich mit der Situation der tamilischen Minderheit im singhalesischen Süden. Der Journalist trifft in jenem Hotel in Colombo, wo Jeevan kurz vor seiner Ausreise nach Europa logiert hatte, zufällig auf eine Cousine. Sie erzählt, dass Jeevans Mutter nicht glauben konnte, dass ihr Sohn ums Leben kam und deshalb in die Schweiz telefonieren wollte, um sich zu vergewissern. Weil ihr Wohnort in Jaffna im Kriegsgebiet liegt und von der Aussenwelt abgeschnitten ist, wollte sie in den Süden nach Colombo reisen, um hier die Verbindung herzustellen. Dies scheiterte an der Blockade, welche die srilankische Armee rund um Jaffna errichtet hatte. Schliesslich sei die Mutter erkrankt, erklärt die Cousine. Ein Concierge im selben Hotel berichtet von regelmässigen Razzien in den tamilischen Quartieren und vom Verschwinden von Landsleuten nach ihrer Verhaftung.

Vom Süden Sri Lankas, an deren Stränden mitunter sorglos die Touristen baden, führt die Reise mit der Urne an zahlreichen Armeebarrikaden vorbei in eine Art Niemandsland im Dschungel. Dort irren rund eine Million tamilische Flüchtlinge umher. Sie weichen dem Kampfgeschehen aus, das sich im Guerillakrieg gegen die tamilischen «Befreiungstiger» geografisch dauernd verlagert. Es handelt sich um Vertriebene, die unter den Mängeln an Lebensgütern leiden, wie etwa Nahrungsmittel und Medikamente. Die Frauen haben keine Muttermilch mehr für ihre Säuglinge, weil sie selber unterernährt sind, in den Flüchtlingslagern leben die Familien im Freien ohne Zelte, und soeben hat der Monsunregen eingesetzt.

Je weiter die Reise in den Norden führt, desto näher rücken die unberechenbaren Bombardierungen dichtbesiedelter Gebiete, in denen die Armee quartiere der «Befreiungstiger» vermutet. Die mit einer Blockade belegte Halbinsel Jaffna ist nurmehr im Schutz der Dunkelheit mit Fischerbooten erreichbar. Hier verbringen die Menschen Tage und Nächte in bunkerähnlichen Unterständen ‑ Erdlöcher, die sie selber ausgegraben und mit den Schienen einer Eisenbahn verstärkt haben, die längst nicht mehr funktioniert. Das zivile Leben ist total zusammengebrochen. Es gibt keine Elektrizität mehr, keinen Postbetrieb, die Schulen und Verwaltungen sind geschlossen. Bis an die Zähne bewaffnete Soldaten im Knabenalter prägen mitunter das martialische Strassenbild; ganze Dörfer und Städte sind ausgebombt.

Hier sucht der Journalist die Mutter von Jeevan und findet sie schliesslich in ärmlichen Verhältnissen vor, arg mitgenommen durch die Entbehrungen des Kriegs in ihrer Heimat und körperlich und seelisch gezeichnet vom Schicksal ihres Sohnes in der Schweiz.

 

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